Das Wort "Schreibübung" auf einer dunklen Fläche, die sich über einem karierten Blatt Papier befindet. Darüber liegt ein silberner und schwarzer Stift.

Schreibübung 2: schweigen (aus Schreiben gegen die Zeit)

Ich hatte es bereits im letzten Post geschrieben: Schreibübungen sind unfassbar wichtig und hilfreich für (vor allem) angehende Autoren. Ich will auch nicht verschweigen, dass ich sehr ahnungslos war bis ich die ersten Übungen mitgemacht hatte. Verschiedene Formen von Schreibübungen haben dabei auch unterschiedliche Effekte. Die eine Form hilft dabei, in einen hoffentlich täglichen Schreibrhythmus zu kommen, eine andere wiederum soll Gewohnheiten durchbrechen und Neues herausfordern.

Meine liebste Schreibübung (leider passt mir der Zeitpunkt so selten) nennt sich „Schreiben gegen die Zeit“. Sie fordert mich einfach auf, loszulegen ohne sonderlich viel nachzudenken. Es gibt ein Stichwort und dann geht es direkt los. Das hilft mir dabei, meinen Kopf zum Schweigen zu bringen und mich davon zu befreien, VOR dem Schreiben einen Plan zu haben. Wenn ich dabei einen entwickle, umso besser. Aber vorher lenkt es mich nur ab vom eigentlichen Ziel: einfach mal schreiben.

Was ist die Schreibübung "Schreiben gegen die Zeit"?
Die Schreibübung entstammt dem Schreib-Forum und ist eine wöchentliche Challenge. Jedes Mal geht es darum, innerhalb von 60 Minuten einen Text zu einem vorgegebenen Begriff zu verfassen. Die Textgattung ist dabei egal, es geht einfach um freies Assoziieren und "einfach mal zu schreiben anfangen". Es geht nicht um druckreife Texte, das Werk soll nur abgeschlossen sein. Das vorgegebene Stichwort muss auch nicht wortwörtlich im Text erscheinen.

Schweigen ist hier auch das Stichwort, das bei einer dieser Übungen auf mich gewartet hat. Wer mich kennt: Schweigen und Stille sind gar nicht mal so mein Ding. Deswegen war es auch für mich selbst seht interessant, darüber mal zu schreiben. Was als reine Gedanken zum Wort selbst angefangen haben, wurde dann aber schnell zu einer ganz eigenen Situation. Dieser Plan, diese Geschichte, hatte sich erst während des Prozesses entwickelt.

Ich bin noch immer zufrieden mit dem Ergebnis, auch wenn diese Übung schon einige Zeit zurückliegt. Versucht ihr es doch auch mal, die „Anleitung“ steht oben, aber ihr könnt mich auch jederzeit fragen. Oder lasst einfach einen Kommentar mit euren Gedanken da, ich freu mich darüber.

Was ist schweigen?

Stille kann lauter sein, als so manches Brüllen, Schreien und Jolen. Ich weiß wovon ich rede, das gehört zu meinem Leben dazu. Nun ja, weniger das Schweigen als viel mehr das Lautsein. Aber es gibt diese seltenen Momente, in denen Ruhe angebracht ist, in denen jedes Geräusch eines zu viel ist. ‚Was verwindet, wenn man seinen Namen sagt‘, so geht doch dieses eine Rätsel. Die Antwort ist ‚die Stille‘.

Und wenn ich so darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass wir für Stille dieses Wort haben, aber für die Abwesenheit von Stille entweder gar keins oder aber unfassbar viele Umschreibungen. Geräuschkulisse. Getöse. Lärm. Lautstärke. Das sind alles Begriffe, die das Gegenteil der Stille beschreiben, aber gleichzeitig auch etwas mit sich bringen. Stille dagegen, ja, Stille ist einfach. Es ist Stille. Es fehlt alles andere.

Still zu sein, zu schweigen, wirklich gelegen hat mir das nie, aber heute muss es sein. Stille kann ein Teil von Angst, von Furcht sein. Stille kann auch ein Teil von Kummer sein. Aber Stille ist in einem gesellschaftlich anerkannten Kontext ein Teil der Trauer. Weiß der Teufel, wie das passieren konnte. Wenn man früher getrauert hat, dann hat man gefeiert. Daher kommt der Totenschmaus. Heute ist selbst das ein trauriges Ereignis. Gut, die Manieren bringen es mit, dass man beim Essen auch eher schweigt, aber die gesamte Atmosphäre ist eher von Trauer geprägt. Wieso ist Stille, wieso ist Schweigen jetzt also so traurig?

Ich akzeptiere es, aber hinterfragen muss ich es auch. Vor allem passt es ja nicht immer zu denjenigen, die betrauert werden. Sollte man traurig sein, wenn nach langer und schwerer Krankheit ein Großvater endlich davon erlöst ist? Man sollte doch eher glücklich darüber sein, dass diese grausame Phase vorbei ist. Sollte man wirklich trauern, wenn ein Neugeborenes kaum mehr als die ersten Atemzüge tut? Okay, doch, da darf man auf jeden Fall trauern. Was stimmt denn heute nicht mit mir?

Egal, heute geht es eh nicht um meinen Großvater oder einen Neugeborenen. Heute geht es um einen Mann, zu dem ich stets aufgesehen habe. Einer, der nicht nur mir viel bedeutet hat, sondern sehr vielen Menschen sehr viel Freude gebracht hat. Und er war kein trauriger Mensch, er hätte gewollt, dass wir feiern – mit ihm früher und für ihn heute. Warum also diese Stille hier? Wir sollte ihm ein Fest bereiten!

„Wir danken euch für diesen Moment der Stille für unseren Superstar der vergangenen Jahrzehnte. Ohne ihn wäre dieser Verein nicht da, wo er heute ist. Und wir wissen alle, dass er immer für einen Spaß und eine gute Feier zu haben war. Deswegen lasst uns feiern. Auf geht’s auf den Rasen, Jungs, holt den Titel!“ So plärrt es aus dem Stadionlautsprecher und die Stille ist hinüber, als hätte man bloß ihren Namen gesagt. Mein Freund neben mir nickt mir zu und nimmt sein Megafon in die Hand. Ich schlage die große Trommel. Das wird ein Fest! Ein echtes Fußballfest!

Symbolbild. Tribüne des Volksparksstadions, Hamburg, ohne Minute des Schweigens. Bild beschnitten.

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