Das Wort "Schreibübung" auf einer dunklen Fläche, die sich über einem karierten Blatt Papier befindet. Darüber liegt ein silberner und schwarzer Stift.

Schreibübung 5: Versteck (aus Schreiben gegen die Zeit)

60 Minuten können sich wie Kaugummi hinziehen oder aber am Ende etwas zu knapp werden. Zu knapp wurde es bei mir damals bei der Schreibübung mit dem Stichwort „Versteck“. Ich hätte damit nicht rechnen können, aber es hat wohl zu dem Zeitpunkt einen Nerv bei mir getroffen. Die Worte schossen aus mir heraus, die Tastatur glühte, die weißen Teile des (digitalen) Blattes verschwanden nach und nach. So will man das als Autor doch eigentlich immer haben, oder?

Leider ist es nicht immer so einfach, die Worte zu Papier zu bringen. Es gibt Tage, manchmal auch Wochen, da fällt es schwer, einen sinnvollen Satz zu erschaffen, der erstens genau das aussagt, was man möchte, und der zweitens sich auch noch wunderbar an die anderen Sätze anfügt und nicht wie ein Fremdkörper wirkt. Das ist der Moment, in dem man sich auch selbst in ein Versteck zurückziehen möchte, bis der Zustand vorbei ist. Wenn das mal so einfach wäre, dann könnten wir alle unsere Schreibblockaden aussitzen.

Auch das ist nicht so einfach, denn auch in einem Versteck wird man die Blockade nicht los, man nimmt sie mit sich. Was dagegen helfen kann, sind Übungen, um in einen Flow zu kommen, in dem man gute Sätze am Ende produzieren wird, wenn die richtig schlechten Sätze raus sind. Deswegen mag ich Schreibübungen so sehr. Und jetzt gerade, als ich diese Zeilen hier schreibe (was nicht gleichzusetzen ist mit dem Datum der Veröffentlichung des Posts), weiß ich, dass ich wieder öfter Übungen machen sollte. Mir fehlt der Flow.

Was ist die Schreibübung "Schreiben gegen die Zeit"?
Die Schreibübung entstammt dem Schreib-Forum und ist eine wöchentliche Challenge. Jedes Mal geht es darum, innerhalb von 60 Minuten einen Text zu einem vorgegebenen Begriff zu verfassen. Die Textgattung ist dabei egal, es geht einfach um freies Assoziieren und "einfach mal zu schreiben anfangen". Es geht nicht um druckreife Texte, das Werk soll nur abgeschlossen sein. Das vorgegebene Stichwort muss auch nicht wortwörtlich im Text erscheinen.

Wenn ich aber über die Ergebnisse vergangener Übungen drüber schaue, dann weiß ich zumindest, dass ich es kann, wenn es drauf ankommt! Schreibblockaden können schnell eine Art Dämon werden, der einen dann davon abhält, es überhaupt nur zu versuchen. Dieser Dämon kommt aus seinem Versteck, nimmt eure Kreativität und tu so, als hätte es sie nie gegeben. Hört nicht auf ihn! Lasst ihn aus dem Versteck kommen und sagt ihm, dass er gleich wieder gehen kann.

Ein kleiner Disclaimer noch an der Stelle: Ja, ich hab in der Zeit, als die Geschichte entstand, viel Hunger Games gelesen. Und das merkt man auch, das ist mir wohl bewusst. Aber ich finde es nicht mal tragisch, denn am Ende ist das eine Schreibübung, mit der ich versucht habe, meinen Schreibstil zu verbessern. Und wenn das Trope „Retelling“ existieren kann, dann kann ich auch für Texte, die niemals veröffentlicht werden sollen (im herkömmlichen Sinn), Inspiration so nehmen und etwas eigenes schaffen.

Seid mir also bitte nicht böse, wenn ihr euch etwas anderes erhofft haben solltet. Lasst mir aber gerne einen Kommentar mit euren Gedanken zu dem Thema da, wenn ihr möchtet. Wäre euch vielleicht ein besseres Versteck für die beiden Figuren eingefallen?

Die Jagd nach einem Versteck

BUMM! Die Jagd war eröffnet. Ganz im Sinne der Spiele wurde den Gejagten ein gewisser Vorsprung gewährt, aber alle wussten, dass mit dem Startschuss ohnehin ihr letztes Stündlein geschlagen hatte. Niemand überlebte das große Finale, diese absurd unmenschliche Darbietung gesellschaftlicher Abgründe. Jake hatte sich frühzeitig mit Alicia verständigt, dass sie es drauf ankommen lassen wollten, dass sie die Zeit vollends ausnutzen wollten, bis die Jäger ihres Spiels überdrüssig waren. Vielleicht wäre das ihre einzige Chance zu überleben. Aber wäre das, was danach kommt, denn überhaupt Leben?

„Das spielt keine Rolle“, dachte Jake und rannte weiter in den Wald hinein, dicht hinter Alicia. Sie war schon immer schneller als er, schneller als die meisten anderen Menschen. Er war ihr in keinem Fall ebenbürtig, nicht in dieser Hinsicht. Aber er wusste, wie die Jäger tickten, er hatte es gelernt, bevor er von ihnen abgefallen war. Dass er jetzt auf der anderen Seite des Spiels stand, war nur die gerechte Strafe für seine Fehler – zumindest in den Augen der Jäger. In seinen Augen war es die größte Ungerechtigkeit, die man hätte erleben können.

Alicia sah sich nach ihm um, er zuckte unmerklich mit dem Kopf nach rechts, um ihr zu signalisieren, dass sie dort bessere Chancen hätten. Dort lag der See, dort konnten sie Verstecke finden. Im gleichen Moment sahen sich beiden nach den übrigen Gejagten um, keiner von ihnen war in ihrer Nähe, aber das hieß nicht, dass sie sie nicht beobachten würden. Jeder kannte Jakes Geschichte, jeder wusste, dass er vielleicht die besten Chancen in diesem Spiel hatte.

Hundert Meter weiter, zweihundert Meter weiter. Sie liefen und schlugen Haken um die Bäume, rannten durch das Unterholz. Dann plötzlich standen sie auf einer Lichtung. Jake lauschte in den Wald hinein, aber er konnte nichts hören außer der erschreckend lauten Mischung aus Wind und dem Rauschen seines Blutes. Er legte seinen Finger an die Lippen, als Alicia ihn ansah. Der Boden war weich, das würde sie verraten.

„Komm langsam in deinen eigenen Fußspuren zurück zu mir“, sagte er mit gedämpfter Stimme. Alicia tat genau das. Sie vertraute ihm und seinen Fähigkeiten. Vor allem aber vertraute sie seinem Wissen um diesen Wald, den die Jäger auch für Trainingszwecke nutzten. Ein unfairer Vorteil, das wussten alle, aber ihm Rahmen des Spiels war das vollkommen irrelevant.

Alicia stand nun einen Schritt von Jake entfernt, als der auf eine Lücke im Gebüsch zeigte. „Da müssen wir rein, aber pass auf, dass du keine Spuren hinterlässt. Wir werden jetzt langsamer unterwegs sein, aber abseits der Pfade und damit hoffentlich lange genug außerhalb der Reichweite der Jäger.“

Mit einem leichten Sprung war Jake zwischen den Büschen verschwunden, die er mit den Beinen kaum berührt hatte. Alicia tat es ihm gleich und gemeinsam machten sie sich geduckt und teilweise schleichend auf den Weg durch das Unterholz. Das Rauschen in seinen Ohren wich langsam dem Rauschen der Blätter und Jake konnte sich zumindest vorerst sicher sein, dass niemand ihnen folgte, weder Jäger noch andere Gejagte.

„Ist es noch weit?“, fragte Alicia flüsternd. „Wir können doch einfach hier bleiben, sie finden uns bestimmt nicht.“ Jake sah sich um, sie waren mitten im Wald, die hohen Bäume ließen nur wenig Licht durch. Das Unterholz hier war sehr dicht, aber wegen des wenigen Lichts nicht sonderlich hoch.

„Nein, hier wären wir wie auf dem Präsentierteller, wenn sie sich nur ein bisschen tiefer in den Wald wagen. Und das werden sie tun, glaub mir. Darauf sind sie trainiert. Der Instinkt sagt dir zwar, du könntest hier sicher sein, aber das wissen sie auch ganz genau. Und deswegen suchen dich die Jäger genau hier. Wir müssen weiter.“

Ohne weitere Debatte drehte sich Jake wieder um ging noch tiefer in den Wald. Er blieb erst stehen, als in der Ferne zwischen Bäumen mehr Licht zu erkennen war. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht, der See lag hinter der Waldgrenze. „Wir sind gleich da. Aber wenn wir den Wald verlassen, dann müssen wir trotzdem noch auf unsere Spuren achten. Hier drin ist die Dunkelheit der entscheidende Vorteil, aber da draußen ist der Boden sandig und weich und sie würden uns sofort folgen können. Wenn wir am Waldrand sind, dann sehen wir weiter.“ Alicia nickte, obwohl sie nicht verstand, welche Optionen ihnen bleiben sollten.

Am Waldrand angekommen wäre sie beinahe in Jake hineingerannt, weil der plötzlich stehengeblieben war. „Es ist wunderschön“, sagte sie sehr zur Verwunderung von Jake. Der blickte sie irritiert an, sah dann zum See und erkannte, dass sie Recht hatte. Vor ihnen erstreckte sich das klare Nass dieses namenlosen Gewässers, die Strahlen der untergehenden Sonne brachen sich darauf. Nur eine Sache störte den Anblick und das war der meterhohe Zaun, der einmal quer durch den See verlief und dafür sorgte, dass die Gejagten das Areal nicht verlassen und dass die Jäger ihre Beute auch finden konnten.

Beinahe hätte Jake vergessen, weswegen sie überhaupt hier waren, so sehr verlor er sich in Alicias Augen, in denen sich das Schauspiel auf dem Wasser widerspiegelte. Dann durchfuhr es ihn, sie brauchten ein Versteck. Schnell!

„Ja, ist es, aber wir müssen weiter. Bleib kurz hier“, sagte er und ging zu einem der hohen Bäume. An dessen Fuß fand er, was er gesucht hatte: einen herabgefallenen Ast mit feiner Verzweigung und sogar ein paar wenigen verbliebenen Blättern. Mit diesem Hilfsmittel in der Hand ging er zu Alicia zurück, die ihren Blick immer noch auf den See gerichtet hatte.

„So“, sagte Jake und warf den Ast auf den sandigen Boden vor ihnen, „das können sie ruhig finden, wenn sie uns suchen. Kommst du? Wir verstecken uns jetzt und warten, was passiert.“ Jake dreht sich um und ging zu dem gleichen Baum zurück, an dem er eben den Ast gefunden hatte und sah sich um. Er hatte darauf gehofft, nicht zu lange suchen zu müssen und wurde tatsächlich von den Göttern belohnt. Nur ein paar Meter weiter fand er sein Ziel und steuerte direkt drauf zu.

„Hier, wir klettern hier hoch“, sagte er und machte sich bereit Alicia nach oben zu helfen. Sie war kleiner als er und konnte den nächsten Ast nicht alleine erreichen. Er dagegen war auf sowas Ähnliches trainiert worden.

„Da oben sollen wir warten? Das soll funktionieren?“ – „Ja, Jäger schauen immer nur nach Spuren am Boden und wenn sie den Ast finden, werden sie denken, dass wir mit so einem unsere Spuren im Sand verwischt hätten. Dann sind sie voll fokussiert auf den See.“ – „Bei allen Göttern, ich hoffe, du hast Recht“, sagte Alicia und sah den Baum hoch.

Dann sprang sie, zur absoluten Überraschung von Jake direkt an den Baumstamm, machte einen weiteren Schritt am Stamm, stieß sich ab und ergriff den dicken Ast über ihr. Alicia zog sich nach oben und begann weiterzuklettern. Jake stand weiterhin als Aufstiegshilfe bereit und traute seinen Augen kaum. „Das ist perfekt. Sie ist perfekt“, dachte er, während er seine Hände wieder herunternahm. „Kommst du jetzt?“ fragte Alicia von oben.

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