Ein zeitliches Limit von 60 Minuten kann entweder ein nie enden wollendes Martyrum werden oder es wird eine Zeitspanne, die viel zu früh endet, weil man noch so viel erzählen möchte. So ging es mir bei der Schreibübung mit dem Stichwort „vergiften“ vor einiger Zeit. Es war in dem speziellen Moment einfach eine unfassbar gute Kombination aus Stichwort, spontaner Inspiration und einem unaufhaltsamen Schreibfluss.
Und das kam auch für mich etwas überraschend, denn was macht man mit „vergiften“? Die Bandbreite ist gewaltig, da ist einiges machbar, anders als bei der anderen Schreibübung neulich („schweigen“). Situationen, in denen Menschen schweigen, sind nicht allzu zahlreich, in der Fiktion lässt sich vieles konstruieren, braucht aber meistens einen gewissen Hintergrund.
Was ist die Schreibübung "Schreiben gegen die Zeit"?
Die Schreibübung entstammt dem Schreib-Forum und ist eine wöchentliche Challenge. Jedes Mal geht es darum, innerhalb von 60 Minuten einen Text zu einem vorgegebenen Begriff zu verfassen. Die Textgattung ist dabei egal, es geht einfach um freies Assoziieren und "einfach mal zu schreiben anfangen". Es geht nicht um druckreife Texte, das Werk soll nur abgeschlossen sein. Das vorgegebene Stichwort muss auch nicht wortwörtlich im Text erscheinen.
Vergiften dagegen kann man andere, sich selbst, die Umwelt, eine Beziehung und so weiter. Und wenn dann noch Fiktion hinzukommt, werden die Möglichkeiten noch erweitert. Es könnte zum Beispiel eine Geschichte erzählen, wie eine finstere Armee ein feindliches Territorium vergiften will, um es leichter erobern zu können. Oder eine Geschichte über das Vergiften einer Beziehung durch fragwürdiges Verhalten. Oder das langsame Vergiften eines unliebsamen Hausherren.
Ich habe mich aber für etwas anderes entschieden. Meine Inspiration lege ich unter der Geschichte nochmal kurz dar, auch weil ich vermutlich einen kleinen Disclaimer brauche. Bei „vergiften“ musste ich an einige meiner Lieblingsvideospiele denken, in denen das zwar nicht aktiv als Option überall verfügbar ist, aber vom Setting her passend wäre. Das Vergiften eines Mannes, der der lokalen Gesellschaft durch sein gieriges Verhalten schadet.
Mission: Handelsherrn vergiften
Garrett stand still in der dunklen Ecke des Raumes. Der Raum war nur schwach beleuchtet, aber dafür äußerst opulent ausgestattet für einen Raum, der in der Regel nur selten genutzt wurde. Seltsame Angewohnheiten hatten die Mitglieder des geheimen Händlerrats allesamt und das gehörte wohl einfach dazu. Es war das Hinterzimmer zu einem der Speisesäle des Herrn von Simperdink.
Er war einer dieser hohen Herren des Rates, die sich selbst noch weiter erhöhten und ohnehin auch nur dadurch erst in diese Position gekommen waren. Wäre es nicht sein Geld gewesen, wäre er nicht Teil des Rates. Wäre es nicht sein Geld gewesen, wäre Garrett jetzt nicht hier Wäre es nicht das Geld, dann gäbe es diesen Raum gar nicht. Es gäbe auch nicht den Spitznamen, den jeder in von Simperdinks Abwesenheit nutzte… der Herr von Klimperkling.
Aber um das Geld ging es Garrett heute nicht. Der Herr hatte eine Grenze übertreten und damit Garrett gezwungen das auch zu tun. Garrett war Dieb, kein Mörder. Sein Hehler hatte ihn aber ins Vertrauen gezogen und berichtet, was man ihm so zugetragen hatte. von Simperdink hatte sein Geschäft ausgebaut. Er handelte nicht mehr nur mit den Erzen aus den Minen, die er unter unmenschlichsten Bedingungen fördern ließ, oder den Gütern aus anderen Städten, die er billig kaufte und zu Wucherpreisen verkaufte. Allesamt Luxusgüter, deswegen war es Garrett normalerweise egal, wenn er nicht gerade einige davon stahl.
Der neue Geschäftszweig ruinierte aber jegliche Moral, die in der Stadt existierte: Klimperkling holte billige – was auch sonst – Rauschgifte in die Stadt und bot sie feil. Er tat das natürlich nicht selbst, er musste ja als ehrbarer Geschäftsmann gelten, aber jeder wusste es. Nein, er tat das durch Mittelsmänner. Einer davon hatte es sich zur Aufgabe gemacht, selbst zum hohen Handelsherren aufzusteigen und teilte seine Geschäfte auf. Solange das Geld floss, war es Klimperkling egal, was passierte. Es sollte nur einfach passieren.
Sein Mittelsmann, ein gewisser Olander, verscherbelte das Rauschgift einerseits als angebliches Luxusgut und Wundermittel auf den Festen der Edelleute, andererseits verramschte er es an die Hurenhäuser, die es dann an Klienten und, sagen wir, Mitarbeiterinnen verteilten. Das sorgte für viel Unruhe auf den Straßen. Und Unruhe auf den Straßen war gefährlich. Nicht für Klimperkling, sondern für Garrett und seinen Hehler Lontzo. Und für einige andere aus ihrem Metier.
Viele wollten, dass das aufhört, aber sie wollten das aus unterschiedlichen Gründen. Garrett hatte eigene Gründe und dass Klimperkling für all das verantwortlich war und ihm schon vorher mehrfach im Wege stand, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Lontzos Auftrag, seine Bitte, war einfach: von Simperding muss sterben, damit das aufhört. Die Mittelsmänner wären dann fast automatisch aus dem Geschäft raus, ein bisschen nachhelfen könnte da noch nötig sein.
Garrett war kein Mörder, aber als das Hurenhaus, in dem seine wichtigste Informantin arbeitete, ebenfalls in den Dunstkreis geriet, war eine Grenze überschritten. Er hatte sich in das Haus geschlichen, über das Dach war das sogar sehr einfach gewesen, und wartete jetzt hier. Er wusste ganz genau, dass es hier heute ein Treffen geben würde. Simperdink und ein neuer Mittelsmann, der einen weiteren Stadtteil beliefern sollte. Aber dazu würde es nicht kommen, wenn es nach Garrett ging. Die Tür zum Speisesaal öffnete sich und Simperdink kam ins Hinterzimmer. Ihm folgte ein Mann mit schwarzer Kapuze, die er im Haus nicht ablegte. Die seltsamen Angewohnheiten färbten nun wohl auch auf die Untergebenen ab.
„Ihr müsst mir dringend erzählen, wie diese Entstellungen euch zugefügt wurden. Jetzt könnt ihr euch auch zeigen, meine Frau betritt diesen Raum nicht“, sagte von Simperdink. „Nein, noch nicht. Reden wir erst über das Geschäft“, sagte der andere.
Garrett kam die Stimme vage bekannt vor, aber er ordnete sie unter „generisch“ ein. Stattdessen zog er aus seiner Umhangtasche ein Blasrohr und einen kleinen Giftpfeil, den er vorsichtig in das Rohr einführte. Sein übliches Werkzeug, ein Bogen, war hier eindeutig fehl am Platze. Er war nun bereit, er konnte jederzeit schießen, aber der andere Mann war eventuell ein Problem. Er musste noch mehr erfahren und ihnen erst noch zuhören.
Sie sprachen über das geplante Stadtviertel, das der Mittelsmann, der seinen Namen nicht nannte, beliefern wollte. Das Hafenviertel. Ähnliches Klientel wie die Hurenhäuser, aber zu mehr Schlägereien bereit. Die und das Rauschgift, eine gefährliche Kombination. Sie sprachen über Preise und verhandelten bis sie sich einig waren. Dann reichten sie sich die Hände, um das Abkommen zu besiegeln, und plötzlich ging alles ganz schnell. Der Andere stach mit einem Dolch zu und, noch bevor Garrett reagieren konnte, stieß den sterbenden von Simperdink in Garretts Richtung. Garrett konnte nicht anders als den Körper, er konnte nicht sagen, ob es schon eine Leiche war, zu fangen.
Dabei ließ er das Blasrohr fallen, der Giftpfeil flutschte heraus und rollte über den Boden auf den Fremden zu. Der hatte in der Zwischenzeit eine Balestrina, eine dieser neumodischen einhändigen Armbrüste, gezogen und zielte auf Garrett, während er den Giftpfeil mit dem Fuß zertrat. Dann zog er seine Kapuze herunter und zum Vorschein kam das Gesicht von Simperdink. Mit der freien Hand fasst sich der Mann an das Kinn und zog das Gesicht, eine Maske, von seinem eigenen ab. „Hallo, Garrett. Mach jetzt keine Dummheiten“, sagte Lontzos Stimme unter dem Gesicht von Klimperkling.
Nachtrag und kleiner Disclaimer
Man kann vermutlich erkennen, wenn man es denn kennt, woher meine kurzfristige Inspiration für die Geschichte stammte. Korrekt, es handelt sich um die Spielereihe Thief (in Deutschland zunächst The Dark Project) aus dem Hause Eidos. Ich stelle hiermit klar, dass ich keine Rechte an den Spielen, den Figuren, der Spielwelt oder anderen Inhalten aus der Reihe halte. Die Geschichte „Mission: Handelsherrn vergiften“ entstand ohne Hintergedanken oder böse Absichten. Sollten die Halter der Rechte diese geltend machen wollen, werde ich die Geschichte umgehend entfernen. Auch an dem untenstehenden Bild, das aus dem Media Kit von Eidos stammt (LINK), halte ich keine Rechte, es dient hier einzig der Illustration.

